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Donnerstag, 9. November 2017

27. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr A (8. Oktober 2017)
Konventamt in St. Ottilien

Zur Ersten Lesung: Jesaja 5,1-7
Ein Lied mit vier Strophen:
1.     Strophe: Weinberg, Besitzer – Arbeiter, kultiviert, hofft auf Ertrag von Süßen Trauben, aber enttäuschendes Ergebnis von sauren Beeren
2.     Bürger Jerusalems werden angesprochen, sollen urteilen über die aufgewandte Mühe, Hoffnung auf Ertrag und enttäuschendes Ergebnis
3.     Strophe: Entscheidung des Besitzers: Hecken, Mauern, Ödland, Dornen und Disteln
4.     Strophe: Auflösung der Parabel, Identifizierung der Protagonisten:
Weinberg = Haus Israel, Volk Israel
Reben = Einwohner von Jerusalem
Besitzer = Gott
So wie Besitzer sich um Weinberg bemüht hat, so hat Gott sich um Israel bemüht.
So wie der Weinberg enttäuschende Ergebnisse gebracht hat, so hat Israel Gott enttäuscht: Rechtsspruch – Rechtsbruch; Gerechtigkeit – doch der Rechtlose schreit.
Nun können wir uns ja beruhigt und entspannt zurücklehnen. Denn das alles galt ja Israel und das ist auch schon einige hundert Jahre her. Was hat das mit uns zu tun!

Aber so einfach ist das nicht:
1.     Weinberg Israel = Vorbild, Vorausbild der Kirche, für ihre Lebendigkeit und Wirksamkeit, Sendung in die Welt.
2.     Kirche = immer und nur ihre Mitglieder, die Getauften, also wir.
3.     Gott wirkt immer, wie damals an und in Israel, so auch heute an und in der Kirche und in und an den Gläubigen.
Damit sind wir beim Evangelium: auch das ist die Rede von einem Weinberg und seinem Besitzer und dessen Mühe. Aber auch von Mord und Totschlag und davon, dass der Besitz genommen und anderen gegeben wird.
Jesus erzählte den Hohenpriestern und Ältesten des Volkes (religiösen, moralischen Autoritäten) die Parabel vom Weinberg.
Sie sprechen ein vernichtendes Urteil über die Pächter des Weinbergs und merken nicht, dass sie mit diesen Pächtern gemeint sind. Sie sprechen das Urteil über sich selbst.
Der Sohn des Besitzers, getötet außerhalb des Weinbergs, ist ein Bild für Christus, Sohn des Vaters, gekreuzigt außerhalb der Stadt. Er ist zum Eckstein geworden.
Das ursprünglich auserwählte Volk hat Jesus als Messias verworfen.
Darum wurde der Weinberg, das Reich Gottes, Israel genommen. Und einem anderen Volk, dem neuen Volk Gottes, der Kirche, gegeben. Das ist die Aussage des Mt-Evangeliums. Von dem neuen Volk heißt es: „das die erwarteten Früchte bringt“. Originalton Jesus.
Bringt die Kirche diese Früchte?
Der Prediger des vergangenen Sonntages (Erntedank) hat von hier aus die Frage gestellt: Was werden die Menschen in 300 Jahren über uns sagen?
Man kann auch fragen: Wird es zwar gut verwaltete, aber geistlich unfruchtbare, leblose christliche Diaspora-Gemeinden ohne Bedeutung in Europa geben? Oder wird es sie überhaupt noch geben?
Oder wird es lebendige, missionarische und attraktive Gemeinden geben?
Sicher: die Kirche als Mysterium des Heiles, die Kirche als Sakrament kann nicht untergehen, die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen.
Aber es bleibt die Frage nach der Lebendigkeit der Kirche und der Gemeinden. Und die Gemeinden sind ja nur so lebendig, wie ihre Mitglieder lebendig sind.
Also ist es die Frage nach unserer, nach meiner Lebendigkeit.
Wie lebe ich das Potential der Taufe, das Gott mir geschenkt hat?
Lebe ich aus Glaube, Hoffnung und Liebe? Lebe und gestalte ich mein christliches Leben aus der Kraft dieser drei Tugenden?
Habe ich meine Berufung entdeckt? Kenne ich sie? Habe ich sie angenommen? Lebe ich die Werte des Evangeliums und meine mir von Gott anvertrauten Gaben?
Eines ist sicher: ich bin verantwortlich für das, was Gott mir anvertraut hat. Und er wird von mir Rechenschaft fordern.
Und da sind wir bei der Zweiten Lesung von heute.
Vielleicht reicht es für jetzt, einen Gedanken herauszugreifen und zu unterstreichen: Der Rat oder die Empfehlung des Paulus: Bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott.
Wir haben viele Anliegen und Sorgen. Alles dürfen wir zu Gott bringen, aber das Besondere ist es: mit Dank zu Gott zu bringen. In jeder Lage.
Paulus schreibt diesen Brief (zweite Lesung Phil 4,6-9) in Ephesus, im Jahre 55, im Gefängnis. Er muß es ja wissen, und er gibt den Rat: Bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott.
Das ist das Besondere, das Paradoxe, der Durchblick und der Tiefenblick des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe: alles mit Dank vor Gott.
Auch wenn es nach unseren beschränkten, bürgerlichen Maßstäben nichts zu danken gibt.
Das ist menschlich gesehen: unsinnig, aber in der Perspektive des Glaubens, des Hoffens und des Liebens: ist es etwas Göttliches.
Wenn wir das tun, dann verändern sich die Perspektiven. Versuchen Sie es!

Darum brauchen wir auch die Gemeinschaft der Glaubenden, wir haben es nötig, unseren Glauben nähren zu lassen, durch die Verkündigung des Wortes Gottes, z. B. in der sonntäglichen Eucharistiefeier, und wir brauchen die Stärkung durch den Empfang der Eucharistie. Darum feiern wir den Sonntag.
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Freitag, 29. Oktober 2010

"Wir sind Kirche"

Predigt
Charismatischer Heilungs- und Lobpreis-Gottesdienst
(immer am Donnerstag in der letzten vollen Woche eines Monats)
In der Pfarrkirche St. Martin zu Illerberg
(A 7, Ausfahrt 123 Vöhringen)
Fest der hll. Apostel Simon und Judas
28. Oktober 2010
Lesung: Epheser 2,19-22
Evangelium: Lukas 6,12-19

Berufung der Zwölf. Sehr feierlich. Jesus auf Berg, um zu beten. Nur an dieser Stelle: die ganze Nacht. Die große Schar der Sympathisanten, daraus die Zwölf.
Kein Wort darüber, warum gerade diese.
Wozu ausgewählt? Wird an dieser Stelle nicht gesagt.
Zunächst:
1. Begleiter Jesu.
2. Zeugen desseb, was er sagt und tut.
3. Zeugen seiner Auferstehung.
Zwölf: Zeichen für das NEUE Israel. Neues Gottesvolk aus ALLEN Völkern. Sie bilden eine Gruppe – wie die Väter der 12 Stämme. Sie werden das Fundament des neuen Gottesvolkes sein.
Aber das ist nur der Anfang einer Berufung. Berufung wächst und entfaltet sich. Wie? 1. Im Leben mit Christus.
2. In Gemeinschaft mit Christus.
3. Durch seine Lehre.
4. Durch Teilnahme an seinem Ostergeheimnis.
5. Durch die Herabkunft des Hl. Geistes.
Von Aposteln haben wir alles empfangen, was sich auf Christus bezieht. (Darum werden sie auch im Epheserbrief genannt.)
Epheserbrief: Entstanden in Zeit der Entwurzelung und Auflösung. Der Einzelne kann sich seinen Wohnort, Lebensweise, Religion, Götter… selbst aussuchen. Wie heute.
Darum Epheserbrief: Besinnung auf Fundamente. Wo liegt der tiefste Grund meiner christlichen Existenz? Welche Verantwortung folgt daraus?
Eph richtet sich an Christen, die aus dem Heidentum kommen, also an Nicht-Juden. Waren früher vom Bund der Verheißung ausgeschlossen, von Christus getrennt. – Das galt auch für die Juden. Aber diese hatten immerhin die Verheißung (Abraham) und damit die Hoffnung. Aber die große Wende kam auch für sie erst durch Christus.
Einst gab es Feindschaft zwischen Juden und Heiden (=alle Nicht-Juden); sie waren durch das mosaische Gesetz getrennt.
Jesus hat die beiden „Völker“ (Juden und Heiden) in SICH vereinigt. = eine neue eschatologische Menschheit.
Der Erlöser hat die beiden Teile vereinigt und befriedet, indem er die beiden in die eine Kirche berufen hat.
Christus hat durch sein Blut/Sterben die trennende Scheidewand niedergerissen und aus Juden und Heiden das eine Volk gemacht und den Zugang zum Vater eröffnet.
Auch die Heiden haben
- Heimatrecht in der Stadt Gottes
- Sind im Haus Gottes, Tempel Gottes.
„Die aus dem Heidentum“ sind nun nicht mehr die Fremden; denn die Heiden haben nun teil an der neuen (eschatologischen) Gemeinschaft.
Neue Gemeinschaft, gründet auf:
- Den alten Propheten
- Den 12 Aposteln
- Christus als Eckstein. Eckstein trägt die zwei Wände, die an einer Ecke des Hauses zusammenkommen. Haus = ein Tempel, wir alle sind eingefügt durch den Hl. Geist. Einfügung ist Werk des Hl. Geistes.
Das ist die Kirche:
- Tempel des Herrn
- Bewohnt vom Hl. Geist
- Erhält ihre Stabilität von Christus (Eckstein)
- Propheten und Apostel sind Fundament
- Familie Gottes
- Mitglieder wohnen in der hl. Stadt Gottes.
Unterschied: Tourist und Einheimischer. Tourist schlendert umher, schaut mehr oder weniger interessiert oder gelangweilt. Der Einheimische: ist eben zu Hause, bewegt sich sicher und zielstrebig.
Diesen Unterschied gibt es auch in der Kirche (Glaubensgemeinschaft).
Paulus wendet sich an Personen, die innerhalb der Glaubensgemeinschaft so eine touristenartige Mentalität an den Tag legen, also an abständige und distanzierte Christen. Wer distanziert in der Kirche lebt, innerlich entfremdet, wer Kirche nur von außen beurteilt (Sünden, Skandale), der kann niemals das Geheimnis der Kirche erfassen.
Paulus erinnert daran, dass wir Christen zur Familie Gottes/Trinität gehören. Zur Kirche gehören äußere Strukturen. UNTER und IN diesen Strukturen lebt und west das Mysterium Gottes, werden wir auferbaut zu einem hl. Tempel im Herrn, zur Wohnung Gottes.
Es ist die Familie der drei göttlichen Personen, wo wir zu Hause sind.
Was tun wir zu Hause? Zeit verbringen!
Die Zeit/Gebet verbringen
- Mit Jesus
- Zum Vater
- Im Heiligen Geist
Das ist die wahre Zeit (Kairos), die wahre Realität, wo wir zu Hause sind.
Die andere Zeit (Chronos) und alle anderen notwendigen Aktivitäten bekommen von dieser Zeit her ihren wahren Sinn, Bedeutung und Gewichtung.

Mittwoch, 28. Juli 2010

Berufung: Aktion Gottes und Reaktion des Menschen. Oder: Wie Gott sich durchsetzt

Predigt
Am Mittwoch der 17. Woche im Jahreskreis (II)
Stadtpfarrkirche Heilig Geist, München
28. Juli 2010, 19 Uhr


Jeremia 15,10.16-21

• Gott beruft Menschen, seine Initiative.

• Lesung: wie eine Zusammenfassung des Dramas eines Propheten.

• Auf der einen Seite: Wort Gottes. Prophet ist dem Wort Gottes gefolgt, mit Freude, es war Nahrung, gab ihm Kraft.

• Kamen Worte von dir, so verschlang ich sie. Dein Wort war mit Glück und Herzensfreude. Denn dein Name ist über mir ausgerufen. Herr, Gott der Heere (V.16).

• Jesus: Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat (Joh 4,34).

• So konnte er am Volk seinen Dienst tun.

• Auf der anderen Seite: Nicht immer ein Zuckerschlecken für den Berufenen: Abraham, Mose, Paulus. Sie beklagten sich.

• Jeremia hat sein Leben in den Dienst des Wortes Gottes gestellt, damit das Volk sich bekehrt.

• Jeremia hat auf viele Annehmlichkeiten verzichtet.

• Jeremia tat auch noch Fürbitte für sein Volk. Aber: es wird nicht wahrgenommen, nicht gedankt.

• Man kennt ihn nur als den Unheilspropheten. Darum hat er nur Feinde.

• Er sieht sich von Anklägern umgeben, die ihn verachten.

• Und darum jetzt: der Schmerz eines enttäuschten Herzens explodiert in einer bitteren Anklage gegen Jahwe (V.17.18).

• Jeremia klagt laut und eindringlich, fühlt sich seinen Feinden schutzlos ausgeliefert.

• Gott, in dessen Dienst er steht, hilft ihm nicht: fordert immer nur von ihm;
o versagt ihm jeden Trost;
o versagt ihm menschliche Gemeinschaft und Freundschaft;
o läßt ihn im Stich – wie ein versiegender Bach.

• Gott antwortet zweifach: 1. Forderung. Gott entläßt den Propheten nicht aus Dienst. Er soll weiterhin sein Mund sein (V.19).

• Gott hält an Berufung fest. Jeremia muß weiterhin den anderen Umkehr predigen.

• Gott stellt eine Bedingung: Jeremia soll selbst umkehren und nicht mehr so reden, wie er es eben getan hat.

• Redest du Edles und nichts Gemeines, dann darfst du mir wieder Mund sein. (V.19).

• Was tut Gott? Gott antwortet. Wie? Gott lädt ein. Wozu? Zur Umkehr.

• Wie an anderer Stelle: Kehrt um, ihr abtrünnigen Söhne, ich will eure Abtrünnigkeit heilen (Jer 3,22). Wenn du umkehren willst, darfst du zu mir zurückkehren (Jer 4,1).

• Gott antwortet 2. Mit einer Zusage: ER werde zu der Zusage stehen, die ER ihm bei Berufung gegeben hat. Ich bin mit dir.

• Und das Wunder geschieht: Der Prophet kehrt um, er bekehrt sich.

• Zusagen: Vers 20.21.

• Beistandszusage: Er erfährt den Schutz Jahwes.

• Gottesbeziehung: Er wird gefestigt im Glauben, d.h. in seiner Gottesbeziehung.

• Umkehr bestärkt ihn in seiner Berufung. Er geht gestärkt aus seiner Gottesanklage hervor.

• Für ihn war es ein schmerzvoller Prozeß, um fähig zu werden, um erneut seine Antwort auf den Ruf Gottes zu geben.

• Jeremia zeigt den Konflikt: für uns alle, wenn wir unserer Berufung folgen, dann zwischen a) Widerstand durch Umwelt und b) unseren eigenen Zweifel.

• Schmerzlich: das Gute zu wollen, und genau deswegen von denen angefeindet zu werden, denen das Heil gilt.

• Bei Jeremia und bei allen, die heute den Anspruch Gottes in der Welt aufrechterhalten: ohne den Verlockungen zu schmeicheln, ohne die Sünde zu verharmlosen oder zu rechtfertigen.

• Jeremia, keine depressive Resignation, er wurde aktiv:
o Trat in den Dialog mit Gott,
o fordert ihn heraus,
o zog ihn zur Rechenschaft.

• War Gott – ist Gott wie ein versiegender Bach?, wie ein unzuverlässiges Wasser?, hat Gott ihn mit Groll angefüllt? – wie Jeremia klagte.

• Mußte seine ihm von Gott anvertraute Mission scheitern? Mußte er, Jeremia, scheitern, ausgerechnet dadurch, daß er von Gott mit einem Heilswerk beauftragt war? Was tut Gott? Warum unterstützt Gott nicht besser seinen Berufenen?

• Sollte es vielleicht so gewesen sein: dass Gott nicht so ist, sondern daß Jeremia Gott zum Opfer seiner Projektionen gemacht hat? Dass Gott zum Opfer der Projektion des Jeremia geworden ist?

• Das würde bedeuten: Dass Jeremia sich geirrt hat in Bezug auf das Wesen Gottes.

• Wenn es so war, dann mußte ihm das erst mal bewusst werden.

• Jeremia mußte seine Zweifel, Gottesanklage hinausschreien – nicht in die Anonymität des Kosmos, sondern an die Adresse Gottes, persönlich.

• Und Gott hält das aus. Gott erlaubt uns, ihm unsere Zweifel vorzutragen, ihn anzuklagen.

• Und genau dadurch kehrte Jeremia um, wandte er sich Gott zu, macht er eine Entdeckung:

• Er versteht: Nur dieses unbedingte Vertrauen kann seine wahre Antwort auf den Ruf Gottes sein.

• Bei uns kann es nicht anders sein: Wenn wir so vertrauen, können wir unsere Mission erfüllen.

• Sich so Gott übergeben: das ist Treue, Glaube, Vertrauen in das Geheimnis Gottes, eine bewährte Freiheit.

• Und darum wirbt Gott um uns und bittet uns.

Donnerstag, 22. Juli 2010

eine uralte Regel zur geistlichen Unterscheidung

In der Vigil zum Gedenktag der hl. Maria Magdalena kam als Lesung ein Abschnitt aus einer Homilie zu den Evangelien von Gregor dem Großen (+604) zum Vortrag.
In vielen seelsorglichen Gesprächen und zur Klärung einer eventuell vorhandenen geistlichen Berufung hatte ich diese Regel erwähnt, angewandt und weitergegeben; es war immer hilfreich. Hier der Text:
"Heilige Sehnsucht wächst duch den Aufschub (ihrer Erfüllung, Hinzufügung von mir). Nimmt sie durch den Aufschub ab, so war es keine echte Sehnsucht."
(Lektionar zum Stundenbuch II/6, Seite 257f.)
Zum Ausprobieren und zum Nachahmen empfohlen...
...meint Pater Willibrord

Donnerstag, 4. März 2010

Missbrauch: Skandal und Erneuerung

Predigt
von Pater Willibrord Driever OSB,
Missionsbenediktiner in St. Ottilien,
in den Eucharistiefeiern am Zweiten Fastensonntag
(Pfarrkirche St. Michael in Abtsgmünd, 27./28. Februar 2010)


Liebe Brüder und Schwestern!

1. Wenn Sie in diesen Tagen aufmerksam die Tagesschau gesehen haben, dann haben Sie eine Vorstellung von dem Kloster, zu dem ich gehöre und aus dem ich komme: St. Ottilien ist in die Schlagzeilen geraten.
Nicht nur Amerika, nicht nur Irland, nicht nur die Jesuiten in Berlin…, jetzt auch die Benediktiner in Bayern.
Und ich glaube: das ist noch lange nicht das Ende, wir haben noch lange nicht den Abgrund erreicht, es kommt noch schlimmer.

2. Wir können uns dem Phänomen des Missbrauchs unter verschiedenen Aspekten nähern: moraltheologisch, juristisch, aber auch statistisch. Ich möchte Ihnen einige objektive Daten nennen.
Jährlich ca. 19.000 polizeilich gemeldete Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern. 2/3 im sog. sozialen Nah-Raum (Verwandte, Bekannte, Familie, oft durch Vater oder älteren Bruder). SPIEGEL: Knapp 100 Verdachtsfälle von Kindesmißbrauch in katholischen Einrichtungen Deutschlands seit 1995 hat der SPIEGEL zusammengezählt. Der Anteil katholischer Priester und Mitarbeiter (60.000) an der männlichen deutschen Bevölkerung über 21 Jahre (33 Millionen) beträgt knapp zwei Prozent. Verrechnet man die ihnen angelasteten Fälle von Kindesmißbrauch (100) mit den 210.000 deutschlandweit polizeilich gemeldeten Übergriffen seit 1995, beträgt der Anteil der katholischen Täter ganze 0,05 Prozent. Der durchschnittliche deutsche Mann wird mit 36-mal-größerer Wahrscheinlichkeit übergriffig als der katholische Priester.
Allein in Berlin wohnen etwa 10.000 Personen, denen Sexualdelikte aller Art vorgeworfen wurden. Sie machen 0,3 Prozent der Berliner Bevölkerung aus; das bedeutet, dass statistisch ein Angezeigter Sexualstraftäter auf 340 Bürger kommt. Und bei den Angezeigten handelt es sich nicht um Priester.
Soweit die Fakten. Diese statistischen Bemerkungen sollen nicht das Phänomen des Missbrauchs in der Kirche bagatellisieren, sondern nur kontextualisieren.

3. Die Kirche wurde immer geprüft, von außen und von innen. Die härtesten und demütigendsten Prüfungen der Kirche sind immer die, welche aus ihrem Inneren hervorgehen, und das insbesondere dann, wenn einige Männer der Kirche, die durch die Weihe in einen besonderen Dienst hineingenommen sind, in verdammenswerte Handlungen verwickelt sind.
Durch die (global betrachtet) millionenfachen Übergriffe werden Kinderseelen gemordet, wird entsetzliches Leid angerichtet. Das ist besonders schlimm, wenn Priester daran beteiligt sind.
Die Stürme, die die Kirche wegen der Sünden ihrer Mitglieder heimsuchen, können Angst machen. Die schlimmsten Stürme sind die, die den Gläubigen ans Herz gehen, die den Gläubigen den Glauben rauben und die das Vertrauen in Gott untergraben, die die Gläubigen aus der Kirche hinaustreiben.

4. Schauen wir noch einmal in unsere säkulare Umwelt: Angeblich will der Gesetzgeber durch seine Gesetzgebung seit Jahren das Leben schützen; tatsächlich aber wird die Abtreibung immer mehr vereinfacht, und die Zahlen der Abtreibungen nehmen zu. Die Produktion und der Konsum von Pornographie ist legalisiert. Der schulische Aufklärungsunterricht ist mehr eine Verführung zur Unkeuschheit als eine Hilfe, mit der gottgeschenkten Gabe der menschlichen Geschlechtlichkeit in einer menschenwürdigen Weise umzugehen. Das, was Gott Sünde nennt, wird in der Gesellschaft als lebenswert propagiert. Und gleichzeitig entrüstet sich diese Gesellschaft über die Sünden der Priester, die in viel größerem Umfang von Nicht-Priestern begangen wird.

5. Ich bin überzeugt, dass in diesen Wochen viele Katholiken sagen: „Das soll die heilige Kirche sein?!“ – „Mit diesem verrotteten Haufen will ich nichts zu tun haben, ich nehme jetzt endgültig meinen Abschied.“ Das erinnert mich irgendwie an die Pharisäer.
Ich möchte dann fragen: Was suchst du denn? Suchst du eine Kirche der moralisch Perfekten, der Super-Christen? Wo sollte diese Kirche denn sein? Bist du denn moralisch so perfekt, bist du denn ein solcher Super-Christ, dass du in eine solche Kirche hineingehören würdest? Und wenn es eine solche Kirche gäbe: Glaubst du, du würdest da aufgenommen werden?

5. Und die Heiligkeit der Kirche besteht nicht in der moralischen Perfektion ihrer Mitglieder bzw. ihrer Amtsträger. Die Kirche ist nicht deswegen heilig, weil ihre Mitglieder so anständig wären. Heiligkeit der Kirche bedeutet: daß Gott den Menschen in der Taufe heiligt. In der Taufe schenkt Gott dem Menschen seine heiligmachende Gnade (Gnade der Rechtfertigung), indem Gott dem Täufling seine Heiligkeit eingießt, gratis, und ihn solchermaßen heiligt. Die Getauften sind also die durch die Heiligkeit Gottes Geheiligten und als solche bilden sie die Kirche, und das ist die Heiligkeit der Kirche. Das ist die Taufgnade. Und damit ist auch eine Aufgabe gegeben: die Berufung, das ganz normale christliche Leben zu gestalten nach den Weisungen des Evangeliums in den Bereichen, wo Gott sie hingestellt hat. Aber eben aus der Kraft der Taufgnade.

6. Ausgerechnet im Priester-Jahr brechen diese Skandale auf. Hier leuchten mehrere Geheimnisse auf: Das Geheimnis Gottes. Gott erwählt nach seinem Ratschluß, nicht nach äußerem Augenschein oder nach dem, was wir für würdig erachten.
Krasser kann uns das Mysterium des Priestertums nicht vor Augen geführt werden: Gott beruft nicht nach Würdigkeit, sondern gemäß seiner Erwählung. Und das ist Sein Geheimnis. JEDER von Gott zum Priestertum berufene Mann ist unwürdig, es ist Gottes Geheimnis, warum er gerade diese Männer beruft.
Und noch etwas wird deutlich: das Geheimnis Jesu Christi. Der historische Jesus von Nazareth hatte, rein äußerlich betrachtet, auch nichts besonderes an sich. Darum taten sich die Jünger auch so schwer, das gott-menschliche Persongeheimnis Jesu zu begreifen. Im heutigen Evangelium von der Verklärung Jesu wird deutlich, dass in diesem Jesus von Nazareth noch mehr und Anderes ist: nämlich seine Göttlichkeit. Diese hat Gott den Augen der Jünger für einen kurzen Moment aufleuchten lassen.
Und das ist auch das Geheimnis der Kirche: sie hat eine Außen-Ansicht: Ämter, Menschen, Verwaltung, Organisation…, und eine Innen-Sicht: das ist der in der Kraft des Heiligen Geistes in der Kirche fortlebende Christus; das ist die in ihr aufbewahrte Gnade, die Gott der ganzen Menschheit durch die Kirche und ihre Mission und Evangelisierung zudienen will: kurz, ihre Heiligkeit.
Und wir alle verdunkeln durch unsere Sünden die Heiligkeit der Kirche, wir alle verdunkeln durch unsere Sünden das Erscheinungsbild der Kirche in der Welt. Wir müssen alle und immer an unsere Brust schlagen und Gott um Vergebung bitten.
Im Credo bekennen wir: Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Dann sollen wir daran denken, was Heiligkeit bedeutet, und wir sollen Gott danken für die Gnade, zu dieser Kirche gehören zu dürfen.

7. Wir sind in der Fastenzeit, in der österlichen Buß-Zeit, wir gehen auf Ostern zu. DIE Feier von Ostern: das ist die Osternacht, in der wir das Wasser weihen und unser Taufversprechen erneuern. Das soll nicht wieder ein Ritus werden, der an uns vorbeirauscht und der vorüber ist, bevor wir recht begriffen haben, was wir da getan haben.
Bei unserer Taufe waren wir unmündig, damals haben unsere Eltern und Paten für uns den Glauben bekannt und das Taufversprechen abgelegt. In der Osternacht hast du die Gelegenheit, ganz persönlich dein Taufversprechen zu erneuern, zu ratifizieren, deine Unterschrift zu geben. Nur du, ohne Stellvertretung.
Das ist Übergabe deines Lebens an deinen Herrn. Das ist deine Erlaubnis an den Heiligen Geist, in die wirken zu dürfen. Dann kann Christus bzw. der Heilige Geist alle deine natürlichen Fähigkeiten von Selbstbezogenheit reinigen und läutern und in Dienst nehmen, dann brechen deine Charismen auf. Dann wird Kirche lebendig.
Dann begreifen auch die Eheleute, was Ehesakrament bedeutet: dann fangen sie an, gemeinsam zu beten, auch mit den Kindern. Dann werden die Familien zu dem, was das Konzil von den Familien gesagt hat: sie sind „Kirche im kleinen“. Dann werden auch die Familien zu den ersten Priesterseminaren.
Die Christen wünschen sich gute Priester. Wo sollen die denn her kommen? Die fallen doch nicht vom Himmel! Wo wird denn noch in den Gemeinden um Priesterberufe und um deren Heiligung gebetet? Die Berufungen müssen doch aus unseren Gemeinden hervorgehen, die können doch nicht immer von Indien oder aus Polen kommen!
Wir brauchen heilige Ehen, heilige Familien, in denen geistliche Berufungen von den Kindern erkannt werden können, wo die Jugendlichen auf ihrem Berufungsweg bestätigt, ermutigt werden.

8. Ich bin überzeugt: was wir in diesen Wochen erleben ist providentiell. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Gott am Werk ist. Gott ist dabei, seine Kirche zu erneuern. Und das geschieht durch Aufdeckung und Buße. Wie würde es in der Kirche weitergehen, wenn diese Fälle weder in Amerika noch in Irland noch in Deutschland aufgedeckt worden wären! Die Sünde würde weiter schwären am Leib der Kirche. Nun ist Gott dabei, die Decke der Verschwiegenheit von den Sünden runterzureißen; damit die Kirche sich bekehrt und erneuert. Gott erneuert seine Kirche. In diesem Sinne dürfen wir froh darum sein, was jetzt geschieht.