Predigt
Charismatischer Heilungs- und Lobpreis-Gottesdienst
(immer am Donnerstag in der letzten vollen Woche eines Monats)
In der Pfarrkirche St. Martin zu Illerberg
(A 7, Ausfahrt 123 Vöhringen)
Fest der hll. Apostel Simon und Judas
28. Oktober 2010
Lesung: Epheser 2,19-22
Evangelium: Lukas 6,12-19
Berufung der Zwölf. Sehr feierlich. Jesus auf Berg, um zu beten. Nur an dieser Stelle: die ganze Nacht. Die große Schar der Sympathisanten, daraus die Zwölf.
Kein Wort darüber, warum gerade diese.
Wozu ausgewählt? Wird an dieser Stelle nicht gesagt.
Zunächst:
1. Begleiter Jesu.
2. Zeugen desseb, was er sagt und tut.
3. Zeugen seiner Auferstehung.
Zwölf: Zeichen für das NEUE Israel. Neues Gottesvolk aus ALLEN Völkern. Sie bilden eine Gruppe – wie die Väter der 12 Stämme. Sie werden das Fundament des neuen Gottesvolkes sein.
Aber das ist nur der Anfang einer Berufung. Berufung wächst und entfaltet sich. Wie? 1. Im Leben mit Christus.
2. In Gemeinschaft mit Christus.
3. Durch seine Lehre.
4. Durch Teilnahme an seinem Ostergeheimnis.
5. Durch die Herabkunft des Hl. Geistes.
Von Aposteln haben wir alles empfangen, was sich auf Christus bezieht. (Darum werden sie auch im Epheserbrief genannt.)
Epheserbrief: Entstanden in Zeit der Entwurzelung und Auflösung. Der Einzelne kann sich seinen Wohnort, Lebensweise, Religion, Götter… selbst aussuchen. Wie heute.
Darum Epheserbrief: Besinnung auf Fundamente. Wo liegt der tiefste Grund meiner christlichen Existenz? Welche Verantwortung folgt daraus?
Eph richtet sich an Christen, die aus dem Heidentum kommen, also an Nicht-Juden. Waren früher vom Bund der Verheißung ausgeschlossen, von Christus getrennt. – Das galt auch für die Juden. Aber diese hatten immerhin die Verheißung (Abraham) und damit die Hoffnung. Aber die große Wende kam auch für sie erst durch Christus.
Einst gab es Feindschaft zwischen Juden und Heiden (=alle Nicht-Juden); sie waren durch das mosaische Gesetz getrennt.
Jesus hat die beiden „Völker“ (Juden und Heiden) in SICH vereinigt. = eine neue eschatologische Menschheit.
Der Erlöser hat die beiden Teile vereinigt und befriedet, indem er die beiden in die eine Kirche berufen hat.
Christus hat durch sein Blut/Sterben die trennende Scheidewand niedergerissen und aus Juden und Heiden das eine Volk gemacht und den Zugang zum Vater eröffnet.
Auch die Heiden haben
- Heimatrecht in der Stadt Gottes
- Sind im Haus Gottes, Tempel Gottes.
„Die aus dem Heidentum“ sind nun nicht mehr die Fremden; denn die Heiden haben nun teil an der neuen (eschatologischen) Gemeinschaft.
Neue Gemeinschaft, gründet auf:
- Den alten Propheten
- Den 12 Aposteln
- Christus als Eckstein. Eckstein trägt die zwei Wände, die an einer Ecke des Hauses zusammenkommen. Haus = ein Tempel, wir alle sind eingefügt durch den Hl. Geist. Einfügung ist Werk des Hl. Geistes.
Das ist die Kirche:
- Tempel des Herrn
- Bewohnt vom Hl. Geist
- Erhält ihre Stabilität von Christus (Eckstein)
- Propheten und Apostel sind Fundament
- Familie Gottes
- Mitglieder wohnen in der hl. Stadt Gottes.
Unterschied: Tourist und Einheimischer. Tourist schlendert umher, schaut mehr oder weniger interessiert oder gelangweilt. Der Einheimische: ist eben zu Hause, bewegt sich sicher und zielstrebig.
Diesen Unterschied gibt es auch in der Kirche (Glaubensgemeinschaft).
Paulus wendet sich an Personen, die innerhalb der Glaubensgemeinschaft so eine touristenartige Mentalität an den Tag legen, also an abständige und distanzierte Christen. Wer distanziert in der Kirche lebt, innerlich entfremdet, wer Kirche nur von außen beurteilt (Sünden, Skandale), der kann niemals das Geheimnis der Kirche erfassen.
Paulus erinnert daran, dass wir Christen zur Familie Gottes/Trinität gehören. Zur Kirche gehören äußere Strukturen. UNTER und IN diesen Strukturen lebt und west das Mysterium Gottes, werden wir auferbaut zu einem hl. Tempel im Herrn, zur Wohnung Gottes.
Es ist die Familie der drei göttlichen Personen, wo wir zu Hause sind.
Was tun wir zu Hause? Zeit verbringen!
Die Zeit/Gebet verbringen
- Mit Jesus
- Zum Vater
- Im Heiligen Geist
Das ist die wahre Zeit (Kairos), die wahre Realität, wo wir zu Hause sind.
Die andere Zeit (Chronos) und alle anderen notwendigen Aktivitäten bekommen von dieser Zeit her ihren wahren Sinn, Bedeutung und Gewichtung.
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Freitag, 29. Oktober 2010
"Wir sind Kirche"
Donnerstag, 4. März 2010
Missbrauch: Skandal und Erneuerung
Predigt
von Pater Willibrord Driever OSB,
Missionsbenediktiner in St. Ottilien,
in den Eucharistiefeiern am Zweiten Fastensonntag
(Pfarrkirche St. Michael in Abtsgmünd, 27./28. Februar 2010)
Liebe Brüder und Schwestern!
1. Wenn Sie in diesen Tagen aufmerksam die Tagesschau gesehen haben, dann haben Sie eine Vorstellung von dem Kloster, zu dem ich gehöre und aus dem ich komme: St. Ottilien ist in die Schlagzeilen geraten.
Nicht nur Amerika, nicht nur Irland, nicht nur die Jesuiten in Berlin…, jetzt auch die Benediktiner in Bayern.
Und ich glaube: das ist noch lange nicht das Ende, wir haben noch lange nicht den Abgrund erreicht, es kommt noch schlimmer.
2. Wir können uns dem Phänomen des Missbrauchs unter verschiedenen Aspekten nähern: moraltheologisch, juristisch, aber auch statistisch. Ich möchte Ihnen einige objektive Daten nennen.
Jährlich ca. 19.000 polizeilich gemeldete Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern. 2/3 im sog. sozialen Nah-Raum (Verwandte, Bekannte, Familie, oft durch Vater oder älteren Bruder). SPIEGEL: Knapp 100 Verdachtsfälle von Kindesmißbrauch in katholischen Einrichtungen Deutschlands seit 1995 hat der SPIEGEL zusammengezählt. Der Anteil katholischer Priester und Mitarbeiter (60.000) an der männlichen deutschen Bevölkerung über 21 Jahre (33 Millionen) beträgt knapp zwei Prozent. Verrechnet man die ihnen angelasteten Fälle von Kindesmißbrauch (100) mit den 210.000 deutschlandweit polizeilich gemeldeten Übergriffen seit 1995, beträgt der Anteil der katholischen Täter ganze 0,05 Prozent. Der durchschnittliche deutsche Mann wird mit 36-mal-größerer Wahrscheinlichkeit übergriffig als der katholische Priester.
Allein in Berlin wohnen etwa 10.000 Personen, denen Sexualdelikte aller Art vorgeworfen wurden. Sie machen 0,3 Prozent der Berliner Bevölkerung aus; das bedeutet, dass statistisch ein Angezeigter Sexualstraftäter auf 340 Bürger kommt. Und bei den Angezeigten handelt es sich nicht um Priester.
Soweit die Fakten. Diese statistischen Bemerkungen sollen nicht das Phänomen des Missbrauchs in der Kirche bagatellisieren, sondern nur kontextualisieren.
3. Die Kirche wurde immer geprüft, von außen und von innen. Die härtesten und demütigendsten Prüfungen der Kirche sind immer die, welche aus ihrem Inneren hervorgehen, und das insbesondere dann, wenn einige Männer der Kirche, die durch die Weihe in einen besonderen Dienst hineingenommen sind, in verdammenswerte Handlungen verwickelt sind.
Durch die (global betrachtet) millionenfachen Übergriffe werden Kinderseelen gemordet, wird entsetzliches Leid angerichtet. Das ist besonders schlimm, wenn Priester daran beteiligt sind.
Die Stürme, die die Kirche wegen der Sünden ihrer Mitglieder heimsuchen, können Angst machen. Die schlimmsten Stürme sind die, die den Gläubigen ans Herz gehen, die den Gläubigen den Glauben rauben und die das Vertrauen in Gott untergraben, die die Gläubigen aus der Kirche hinaustreiben.
4. Schauen wir noch einmal in unsere säkulare Umwelt: Angeblich will der Gesetzgeber durch seine Gesetzgebung seit Jahren das Leben schützen; tatsächlich aber wird die Abtreibung immer mehr vereinfacht, und die Zahlen der Abtreibungen nehmen zu. Die Produktion und der Konsum von Pornographie ist legalisiert. Der schulische Aufklärungsunterricht ist mehr eine Verführung zur Unkeuschheit als eine Hilfe, mit der gottgeschenkten Gabe der menschlichen Geschlechtlichkeit in einer menschenwürdigen Weise umzugehen. Das, was Gott Sünde nennt, wird in der Gesellschaft als lebenswert propagiert. Und gleichzeitig entrüstet sich diese Gesellschaft über die Sünden der Priester, die in viel größerem Umfang von Nicht-Priestern begangen wird.
5. Ich bin überzeugt, dass in diesen Wochen viele Katholiken sagen: „Das soll die heilige Kirche sein?!“ – „Mit diesem verrotteten Haufen will ich nichts zu tun haben, ich nehme jetzt endgültig meinen Abschied.“ Das erinnert mich irgendwie an die Pharisäer.
Ich möchte dann fragen: Was suchst du denn? Suchst du eine Kirche der moralisch Perfekten, der Super-Christen? Wo sollte diese Kirche denn sein? Bist du denn moralisch so perfekt, bist du denn ein solcher Super-Christ, dass du in eine solche Kirche hineingehören würdest? Und wenn es eine solche Kirche gäbe: Glaubst du, du würdest da aufgenommen werden?
5. Und die Heiligkeit der Kirche besteht nicht in der moralischen Perfektion ihrer Mitglieder bzw. ihrer Amtsträger. Die Kirche ist nicht deswegen heilig, weil ihre Mitglieder so anständig wären. Heiligkeit der Kirche bedeutet: daß Gott den Menschen in der Taufe heiligt. In der Taufe schenkt Gott dem Menschen seine heiligmachende Gnade (Gnade der Rechtfertigung), indem Gott dem Täufling seine Heiligkeit eingießt, gratis, und ihn solchermaßen heiligt. Die Getauften sind also die durch die Heiligkeit Gottes Geheiligten und als solche bilden sie die Kirche, und das ist die Heiligkeit der Kirche. Das ist die Taufgnade. Und damit ist auch eine Aufgabe gegeben: die Berufung, das ganz normale christliche Leben zu gestalten nach den Weisungen des Evangeliums in den Bereichen, wo Gott sie hingestellt hat. Aber eben aus der Kraft der Taufgnade.
6. Ausgerechnet im Priester-Jahr brechen diese Skandale auf. Hier leuchten mehrere Geheimnisse auf: Das Geheimnis Gottes. Gott erwählt nach seinem Ratschluß, nicht nach äußerem Augenschein oder nach dem, was wir für würdig erachten.
Krasser kann uns das Mysterium des Priestertums nicht vor Augen geführt werden: Gott beruft nicht nach Würdigkeit, sondern gemäß seiner Erwählung. Und das ist Sein Geheimnis. JEDER von Gott zum Priestertum berufene Mann ist unwürdig, es ist Gottes Geheimnis, warum er gerade diese Männer beruft.
Und noch etwas wird deutlich: das Geheimnis Jesu Christi. Der historische Jesus von Nazareth hatte, rein äußerlich betrachtet, auch nichts besonderes an sich. Darum taten sich die Jünger auch so schwer, das gott-menschliche Persongeheimnis Jesu zu begreifen. Im heutigen Evangelium von der Verklärung Jesu wird deutlich, dass in diesem Jesus von Nazareth noch mehr und Anderes ist: nämlich seine Göttlichkeit. Diese hat Gott den Augen der Jünger für einen kurzen Moment aufleuchten lassen.
Und das ist auch das Geheimnis der Kirche: sie hat eine Außen-Ansicht: Ämter, Menschen, Verwaltung, Organisation…, und eine Innen-Sicht: das ist der in der Kraft des Heiligen Geistes in der Kirche fortlebende Christus; das ist die in ihr aufbewahrte Gnade, die Gott der ganzen Menschheit durch die Kirche und ihre Mission und Evangelisierung zudienen will: kurz, ihre Heiligkeit.
Und wir alle verdunkeln durch unsere Sünden die Heiligkeit der Kirche, wir alle verdunkeln durch unsere Sünden das Erscheinungsbild der Kirche in der Welt. Wir müssen alle und immer an unsere Brust schlagen und Gott um Vergebung bitten.
Im Credo bekennen wir: Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Dann sollen wir daran denken, was Heiligkeit bedeutet, und wir sollen Gott danken für die Gnade, zu dieser Kirche gehören zu dürfen.
7. Wir sind in der Fastenzeit, in der österlichen Buß-Zeit, wir gehen auf Ostern zu. DIE Feier von Ostern: das ist die Osternacht, in der wir das Wasser weihen und unser Taufversprechen erneuern. Das soll nicht wieder ein Ritus werden, der an uns vorbeirauscht und der vorüber ist, bevor wir recht begriffen haben, was wir da getan haben.
Bei unserer Taufe waren wir unmündig, damals haben unsere Eltern und Paten für uns den Glauben bekannt und das Taufversprechen abgelegt. In der Osternacht hast du die Gelegenheit, ganz persönlich dein Taufversprechen zu erneuern, zu ratifizieren, deine Unterschrift zu geben. Nur du, ohne Stellvertretung.
Das ist Übergabe deines Lebens an deinen Herrn. Das ist deine Erlaubnis an den Heiligen Geist, in die wirken zu dürfen. Dann kann Christus bzw. der Heilige Geist alle deine natürlichen Fähigkeiten von Selbstbezogenheit reinigen und läutern und in Dienst nehmen, dann brechen deine Charismen auf. Dann wird Kirche lebendig.
Dann begreifen auch die Eheleute, was Ehesakrament bedeutet: dann fangen sie an, gemeinsam zu beten, auch mit den Kindern. Dann werden die Familien zu dem, was das Konzil von den Familien gesagt hat: sie sind „Kirche im kleinen“. Dann werden auch die Familien zu den ersten Priesterseminaren.
Die Christen wünschen sich gute Priester. Wo sollen die denn her kommen? Die fallen doch nicht vom Himmel! Wo wird denn noch in den Gemeinden um Priesterberufe und um deren Heiligung gebetet? Die Berufungen müssen doch aus unseren Gemeinden hervorgehen, die können doch nicht immer von Indien oder aus Polen kommen!
Wir brauchen heilige Ehen, heilige Familien, in denen geistliche Berufungen von den Kindern erkannt werden können, wo die Jugendlichen auf ihrem Berufungsweg bestätigt, ermutigt werden.
8. Ich bin überzeugt: was wir in diesen Wochen erleben ist providentiell. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Gott am Werk ist. Gott ist dabei, seine Kirche zu erneuern. Und das geschieht durch Aufdeckung und Buße. Wie würde es in der Kirche weitergehen, wenn diese Fälle weder in Amerika noch in Irland noch in Deutschland aufgedeckt worden wären! Die Sünde würde weiter schwären am Leib der Kirche. Nun ist Gott dabei, die Decke der Verschwiegenheit von den Sünden runterzureißen; damit die Kirche sich bekehrt und erneuert. Gott erneuert seine Kirche. In diesem Sinne dürfen wir froh darum sein, was jetzt geschieht.
von Pater Willibrord Driever OSB,
Missionsbenediktiner in St. Ottilien,
in den Eucharistiefeiern am Zweiten Fastensonntag
(Pfarrkirche St. Michael in Abtsgmünd, 27./28. Februar 2010)
Liebe Brüder und Schwestern!
1. Wenn Sie in diesen Tagen aufmerksam die Tagesschau gesehen haben, dann haben Sie eine Vorstellung von dem Kloster, zu dem ich gehöre und aus dem ich komme: St. Ottilien ist in die Schlagzeilen geraten.
Nicht nur Amerika, nicht nur Irland, nicht nur die Jesuiten in Berlin…, jetzt auch die Benediktiner in Bayern.
Und ich glaube: das ist noch lange nicht das Ende, wir haben noch lange nicht den Abgrund erreicht, es kommt noch schlimmer.
2. Wir können uns dem Phänomen des Missbrauchs unter verschiedenen Aspekten nähern: moraltheologisch, juristisch, aber auch statistisch. Ich möchte Ihnen einige objektive Daten nennen.
Jährlich ca. 19.000 polizeilich gemeldete Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern. 2/3 im sog. sozialen Nah-Raum (Verwandte, Bekannte, Familie, oft durch Vater oder älteren Bruder). SPIEGEL: Knapp 100 Verdachtsfälle von Kindesmißbrauch in katholischen Einrichtungen Deutschlands seit 1995 hat der SPIEGEL zusammengezählt. Der Anteil katholischer Priester und Mitarbeiter (60.000) an der männlichen deutschen Bevölkerung über 21 Jahre (33 Millionen) beträgt knapp zwei Prozent. Verrechnet man die ihnen angelasteten Fälle von Kindesmißbrauch (100) mit den 210.000 deutschlandweit polizeilich gemeldeten Übergriffen seit 1995, beträgt der Anteil der katholischen Täter ganze 0,05 Prozent. Der durchschnittliche deutsche Mann wird mit 36-mal-größerer Wahrscheinlichkeit übergriffig als der katholische Priester.
Allein in Berlin wohnen etwa 10.000 Personen, denen Sexualdelikte aller Art vorgeworfen wurden. Sie machen 0,3 Prozent der Berliner Bevölkerung aus; das bedeutet, dass statistisch ein Angezeigter Sexualstraftäter auf 340 Bürger kommt. Und bei den Angezeigten handelt es sich nicht um Priester.
Soweit die Fakten. Diese statistischen Bemerkungen sollen nicht das Phänomen des Missbrauchs in der Kirche bagatellisieren, sondern nur kontextualisieren.
3. Die Kirche wurde immer geprüft, von außen und von innen. Die härtesten und demütigendsten Prüfungen der Kirche sind immer die, welche aus ihrem Inneren hervorgehen, und das insbesondere dann, wenn einige Männer der Kirche, die durch die Weihe in einen besonderen Dienst hineingenommen sind, in verdammenswerte Handlungen verwickelt sind.
Durch die (global betrachtet) millionenfachen Übergriffe werden Kinderseelen gemordet, wird entsetzliches Leid angerichtet. Das ist besonders schlimm, wenn Priester daran beteiligt sind.
Die Stürme, die die Kirche wegen der Sünden ihrer Mitglieder heimsuchen, können Angst machen. Die schlimmsten Stürme sind die, die den Gläubigen ans Herz gehen, die den Gläubigen den Glauben rauben und die das Vertrauen in Gott untergraben, die die Gläubigen aus der Kirche hinaustreiben.
4. Schauen wir noch einmal in unsere säkulare Umwelt: Angeblich will der Gesetzgeber durch seine Gesetzgebung seit Jahren das Leben schützen; tatsächlich aber wird die Abtreibung immer mehr vereinfacht, und die Zahlen der Abtreibungen nehmen zu. Die Produktion und der Konsum von Pornographie ist legalisiert. Der schulische Aufklärungsunterricht ist mehr eine Verführung zur Unkeuschheit als eine Hilfe, mit der gottgeschenkten Gabe der menschlichen Geschlechtlichkeit in einer menschenwürdigen Weise umzugehen. Das, was Gott Sünde nennt, wird in der Gesellschaft als lebenswert propagiert. Und gleichzeitig entrüstet sich diese Gesellschaft über die Sünden der Priester, die in viel größerem Umfang von Nicht-Priestern begangen wird.
5. Ich bin überzeugt, dass in diesen Wochen viele Katholiken sagen: „Das soll die heilige Kirche sein?!“ – „Mit diesem verrotteten Haufen will ich nichts zu tun haben, ich nehme jetzt endgültig meinen Abschied.“ Das erinnert mich irgendwie an die Pharisäer.
Ich möchte dann fragen: Was suchst du denn? Suchst du eine Kirche der moralisch Perfekten, der Super-Christen? Wo sollte diese Kirche denn sein? Bist du denn moralisch so perfekt, bist du denn ein solcher Super-Christ, dass du in eine solche Kirche hineingehören würdest? Und wenn es eine solche Kirche gäbe: Glaubst du, du würdest da aufgenommen werden?
5. Und die Heiligkeit der Kirche besteht nicht in der moralischen Perfektion ihrer Mitglieder bzw. ihrer Amtsträger. Die Kirche ist nicht deswegen heilig, weil ihre Mitglieder so anständig wären. Heiligkeit der Kirche bedeutet: daß Gott den Menschen in der Taufe heiligt. In der Taufe schenkt Gott dem Menschen seine heiligmachende Gnade (Gnade der Rechtfertigung), indem Gott dem Täufling seine Heiligkeit eingießt, gratis, und ihn solchermaßen heiligt. Die Getauften sind also die durch die Heiligkeit Gottes Geheiligten und als solche bilden sie die Kirche, und das ist die Heiligkeit der Kirche. Das ist die Taufgnade. Und damit ist auch eine Aufgabe gegeben: die Berufung, das ganz normale christliche Leben zu gestalten nach den Weisungen des Evangeliums in den Bereichen, wo Gott sie hingestellt hat. Aber eben aus der Kraft der Taufgnade.
6. Ausgerechnet im Priester-Jahr brechen diese Skandale auf. Hier leuchten mehrere Geheimnisse auf: Das Geheimnis Gottes. Gott erwählt nach seinem Ratschluß, nicht nach äußerem Augenschein oder nach dem, was wir für würdig erachten.
Krasser kann uns das Mysterium des Priestertums nicht vor Augen geführt werden: Gott beruft nicht nach Würdigkeit, sondern gemäß seiner Erwählung. Und das ist Sein Geheimnis. JEDER von Gott zum Priestertum berufene Mann ist unwürdig, es ist Gottes Geheimnis, warum er gerade diese Männer beruft.
Und noch etwas wird deutlich: das Geheimnis Jesu Christi. Der historische Jesus von Nazareth hatte, rein äußerlich betrachtet, auch nichts besonderes an sich. Darum taten sich die Jünger auch so schwer, das gott-menschliche Persongeheimnis Jesu zu begreifen. Im heutigen Evangelium von der Verklärung Jesu wird deutlich, dass in diesem Jesus von Nazareth noch mehr und Anderes ist: nämlich seine Göttlichkeit. Diese hat Gott den Augen der Jünger für einen kurzen Moment aufleuchten lassen.
Und das ist auch das Geheimnis der Kirche: sie hat eine Außen-Ansicht: Ämter, Menschen, Verwaltung, Organisation…, und eine Innen-Sicht: das ist der in der Kraft des Heiligen Geistes in der Kirche fortlebende Christus; das ist die in ihr aufbewahrte Gnade, die Gott der ganzen Menschheit durch die Kirche und ihre Mission und Evangelisierung zudienen will: kurz, ihre Heiligkeit.
Und wir alle verdunkeln durch unsere Sünden die Heiligkeit der Kirche, wir alle verdunkeln durch unsere Sünden das Erscheinungsbild der Kirche in der Welt. Wir müssen alle und immer an unsere Brust schlagen und Gott um Vergebung bitten.
Im Credo bekennen wir: Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Dann sollen wir daran denken, was Heiligkeit bedeutet, und wir sollen Gott danken für die Gnade, zu dieser Kirche gehören zu dürfen.
7. Wir sind in der Fastenzeit, in der österlichen Buß-Zeit, wir gehen auf Ostern zu. DIE Feier von Ostern: das ist die Osternacht, in der wir das Wasser weihen und unser Taufversprechen erneuern. Das soll nicht wieder ein Ritus werden, der an uns vorbeirauscht und der vorüber ist, bevor wir recht begriffen haben, was wir da getan haben.
Bei unserer Taufe waren wir unmündig, damals haben unsere Eltern und Paten für uns den Glauben bekannt und das Taufversprechen abgelegt. In der Osternacht hast du die Gelegenheit, ganz persönlich dein Taufversprechen zu erneuern, zu ratifizieren, deine Unterschrift zu geben. Nur du, ohne Stellvertretung.
Das ist Übergabe deines Lebens an deinen Herrn. Das ist deine Erlaubnis an den Heiligen Geist, in die wirken zu dürfen. Dann kann Christus bzw. der Heilige Geist alle deine natürlichen Fähigkeiten von Selbstbezogenheit reinigen und läutern und in Dienst nehmen, dann brechen deine Charismen auf. Dann wird Kirche lebendig.
Dann begreifen auch die Eheleute, was Ehesakrament bedeutet: dann fangen sie an, gemeinsam zu beten, auch mit den Kindern. Dann werden die Familien zu dem, was das Konzil von den Familien gesagt hat: sie sind „Kirche im kleinen“. Dann werden auch die Familien zu den ersten Priesterseminaren.
Die Christen wünschen sich gute Priester. Wo sollen die denn her kommen? Die fallen doch nicht vom Himmel! Wo wird denn noch in den Gemeinden um Priesterberufe und um deren Heiligung gebetet? Die Berufungen müssen doch aus unseren Gemeinden hervorgehen, die können doch nicht immer von Indien oder aus Polen kommen!
Wir brauchen heilige Ehen, heilige Familien, in denen geistliche Berufungen von den Kindern erkannt werden können, wo die Jugendlichen auf ihrem Berufungsweg bestätigt, ermutigt werden.
8. Ich bin überzeugt: was wir in diesen Wochen erleben ist providentiell. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Gott am Werk ist. Gott ist dabei, seine Kirche zu erneuern. Und das geschieht durch Aufdeckung und Buße. Wie würde es in der Kirche weitergehen, wenn diese Fälle weder in Amerika noch in Irland noch in Deutschland aufgedeckt worden wären! Die Sünde würde weiter schwären am Leib der Kirche. Nun ist Gott dabei, die Decke der Verschwiegenheit von den Sünden runterzureißen; damit die Kirche sich bekehrt und erneuert. Gott erneuert seine Kirche. In diesem Sinne dürfen wir froh darum sein, was jetzt geschieht.
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