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Freitag, 12. August 2011

Das etwas andere Kirchenbild

Vor einigen Tage habe ich eine Wallfahrt gemacht zum Grab des heiligen Pater Pio in San Giovanni Rotondo. Ich habe mir sehr viel Zeit genommen, um die Mosaiken auf dem Weg zur Unterkirche und in der Unterkirche zu betrachten. Dabei half mir eine Schrift: Marko I. Rupnik, "Der Weg zum Palast des Königs im Himmel": Eine Erklärung der Mosaiken.

Mehrere Bilder haben mich persönlich angesprochen. Bei einem Bild jedoch dachte ich an so manche schriftliche und mündliche Diskussion in Deutschland über das, was die Leute sagen, was die Kiche sei...

Es ging um das folgende Bild und die Beschreibung:

"CHRISTUS KOMMT DUCH DIE GESCHLOSSENE TÜR UND HAUCHT DEN JÜNGERN DEN HEILIGEN GEIST EIN FÜR DIE VERGEBUNG DER SÜNDEN.

Durch die Vergebung der Sünden lässt und der Heilige Geist in der Kirche an der Auferstehung Christi teilhaben.


Die Kirche ist der Ort, wo man den Tod überwindet.
Dank der Sündenvergebung, die dir Verbindung mit Gott wieder herstellt und uns mit Christus vereint, wechseln wir von einer vom Tod verdorbenen Zeit zu einem unvergänglichen Leben. Mit der Sündenvergebung mittels des Heiligen Geistes gelangen wir mit Christus und in Christus zur ewigen Gemeinschaft mit dem dreieinigen Gott."

Soweit der Text.

Was mich beeindruckte:
1. diese fraglose Selbstverständlichkeit der Aussage.
2. diese unschuldige Unbekümmertheit.
3. dieses Nicht-Problematisieren.
4. die Glaubenssicherheit, die sich darin verbirgt und offenbart.
5. die Dankbarkeit für diese von Gott geschenkte sakramentale Realität.
6. der Blick auf das Wesentliche.
7. die Klarheit der Erkenntis der Vernunft im Licht des Glaubens.

Was mich besonders angesprochen hatte, war der Satz: "Die Kirche ist der Ort, wo man den Tod überwindet."

Es kam der Wunsch auf: Mögen doch alle, die von der Kirche und über die Kirche reden, sich ärgern, auf ihre Sünden und Fehler hinweisen und deswegen austreten... von diesem Mysterium eine Ahnung bekommen.
Mögen doch Zeugen auftreten, die dieses Mysterium bezeugen.


Donnerstag, 26. Mai 2011

"Nun singt dem Herrn ein neues Lied"

Predigt am 5. Sonntag der Osterzeit
22. Mai 2011, Konventamt in St. Ottilien

Liebe Christen!

Sieben Wochen gehen wir in der Osterzeit.
Es braucht Zeit, um das Ostergeheimnis zu ergehen.
Viele Lieder in unserem Gotteslob besingen und entfalten das Ostergeheimnis.
Heute möchte ich versuchen, das Lied unter der Nummer 220 ein wenig zu erschließen.

1. Das ist der Tag, den Gott gemacht,
der Freud in alle Welt gebracht.
Es freu sich, was sich freuen kann,
denn Wunder hat der Herr getan.

Das ist der Tag, den Gott gemacht. Das ist der Ostertag. Und dieser Tag hat die Länge von 50 Tagen. Sieben Wochen feiern wir Ostern.
Jede Woche hat sieben Tage. 7 x 7 = 49. Aber das reicht immer noch nicht. Da muß noch ein Tag drauf. Dann haben wir 50 Tage. 50 heißt auf Griechisch: Pentekoste, das klingt wie Pfingsten.
Und tatsächlich: Pfingsten ist der 50. Ostertag.
Was ist das für ein Tag? Es ist der erste Tag der Woche, jedenfalls nach dem Zeugnis des Neuen Testamentes. Da lesen und hören wir: Am ersten Tag der Woche kamen die Frauen zum Grab.
Der Freitag war der Todestag Jesu.
Der folgende Tag war Sabbat, der letzte Tag der jüdischen Woche;
Dieser Tag entspricht unserem Samstag. Das war der Tag der Grabesruhe Jesu.
Und am ersten Tag der neuen jüdischen Woche kamen die Frauen zum Grab und hatten die Erscheinung des Engels. Sie erhielten die Botschaft von der Auferweckung Jesu und den Auftrag, dies seinen Jüngern zu verkünden. Das ist der Ursprung unserer jährlichen und unserer sonntäglichen Osterfeier. Jeden Sonntag Ostern feiern.

„Denn Wunder hat der Herr getan.“ Wer ist dieser Herr?
Das ist der Gott Vater, der sich dem Moses im brennenden Dornbusch unter dem Namen Jahwe offenbart hatte.
Und um welches Wunder handelt es sich?
Das Wunder der Auferweckung Jesu.
Dieses Wunder feiern wir an jedem Sonntag:
„Darum kommen wir vor dein Angesicht und feiern mit der ganzen Kirche den ersten Tag der Woche als den Tag, an dem Christus von den Toten erstanden ist.“
Das ist ein wichtiger Impuls für unser Leben:
Wir beginnen die Woche mit dem, was Gott schon getan hat. An diesem Tag, dem ersten Tag der Woche, können wir wirklich die Hände in den Schoss legen und erst mal ausruhen. Relaxen. Stressfrei. Weil Gott seinen Teil getan hat. Und das feiern wir am sonntäglichen Ostertag.
Am Montag, dem zweiten Tag der Woche und dem ersten Arbeitstag, fangen wir dann an.
Es blieb dem Europäischen Normenausschuß vorbehalten, diesen biblischen Sacherverhalt zu verkennen und den Montag als den ersten Tag der Woche zu erklären.

2. Verklärt ist alles Leid der Welt,
des Todes Dunkel ist erhellt.
Der Herr erstand in Gottes Macht,
hat neues Leben uns gebracht.

Verklärt ist alles Leid der Welt.
Das Leid der Welt ist da, millionenfach. Es wird weder negiert noch bagatellisiert. Es wird gesehen und wahrgenommen und ernstgenommen.
Aber das Leid ist nicht das Letzte und nicht das Einzige.
Es wird verwandelt. In der verwandelnden Macht Jahwes beginnt es zu leuchten, so wie die Wunden der Passion am verklärten Leib des Herrn auch nicht ausgelöscht werden. Sie bleiben. Der vom Vater auferweckte und verklärte und in die Herrlichkeit des Himmels erhöhte Herr Jesus Christus trägt immer noch die Zeichen seiner Passion an seinem verklärten Leib und zeigt sie immerfort dem Vater.

Das verwandelte Leid. Wieder ein Impuls, wie wir unser Leben verstehen:
Leid gibt es auch in unserem Leben. Wie damit umgehen? Leid vermeiden und lindern, wo immer dies uns möglich ist. Aber viel Leid bleibt. Wie damit umgehen?
Wir können unser Leid annehmen und im Blick auf die Passion des Herrn mit seinem Leid verbinden und es dem Vater anbieten, damit ER es zum Heil verwandeln kann – für uns und viele andere.

Der Herr erstand in Gottes Macht.
Das entspricht genau dem ältesten Zeugnis des Neuen Testamentes. Unzählige Male hören wir: Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs hat ihn, den ihr ermordet habt, auferweckt. Jesus ist auferweckt worden durch die Macht Gottes. Dieses Zeugnis wird angedeutet in der Liedzeile: Der Herr erstand in Gottes Macht.

Und: hat neues Leben uns gebracht.
Ein Leben, das völlig anders ist als jenes Leben, welches wir von Natur aus haben.
Ein Leben, welches unser natürliches Leben unendlich übersteigt, welches einer anderen Wirklichkeit und einer anderen Dimension angehört, ein unzerstörbares Leben, welches weder gemindert wird noch in seiner Qualität abnimmt. Eben ein ewiges Leben.
Ein Leben, wonach sich jeder Mensch sehnt und welches so viele Religionen, Personen, Ideologien, Systeme und esoterische Theorien und Praktiken zwar versprechen, aber nicht vermitteln können.

Dieses unvergängliche, unzerstörbare, ewige Leben ist der ganzen Menschheit aller Orten und aller Zeiten und jedem Menschen von Gott durch die Erlösung geschenkt und angeboten worden. Gratia gratis data. Free net. 0,0 cent.

3. Wir sind getauft auf Christi Tod
und auferweckt mit ihm zu Gott.
Uns ist geschenkt sein Heil’ger Geist,
ein Leben, das kein Tod entreißt.

Das ist es. Das Sakrament der Taufe.
Zu Beginn dieser Eucharistiefeier haben wir gebetet:
“Gott, unser Vater,
du hast uns durch deinen Sohn erlöst und als deine geliebten Kinder angenommen.“
In der Taufe hat Gott uns alles geschenkt:
• sein göttliches, ewiges, unzerstörbares Leben;
• er hat einen Bund mit uns geschlossen, den ER niemals brechen wird;
• er hat uns die Tugenden des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe geschenkt;
• er hat uns 100 % Heiligen Geist geschenkt.

Das alles hat Gott uns in der Taufe geschenkt. Wir müssen die Taufgnade annehmen: Dem Heiligen Geist erlauben, in uns zu wirken; eine persönliche Entscheidung treffen. Das geschieht in der Firmung. In der Firmung wird uns nicht der Heilige Geist geschenkt. Den haben wir schon in der Taufe empfangen. Sondern:

Die Firmung ist das Sakrament der Mündigkeit. Da können wir die persönliche Taufentscheidung nachholen. In der Firmung wird der Heilige Geist freigesetzt, und wir werden für einen Dienst in der kirchlichen Gemeinschaft gestärkt und ausgerüstet. („Abschiedsfest“)

Und wir sind jetzt schon auferweckt. Wir leben jetzt schon das ewige Leben. Wir können nicht sterben. Der Heilige Geist ist das Leben, das kein Tod entreißt.
Das ist genau das Thema des Johannesevangeliums.
In der 50tägigen Osterzeit hören wir jeden Tag einen Abschnitt aus dem Johannes-Evangelium.
Immer wieder versichert uns der johanneische Christus: Wer an mich glaubt, hat jetzt schon das ewige Leben.
Wer an mich glaubt, wird nicht sterben.

4. Wir schauen auf zu Jesus Christ,
zu ihm, der unsre Hoffnung ist.

In dieser Liedstrophe klingt das Mysterium der sog. „Himmelfahrt“, der Erhöhung des Herrn an.
Im Schlussgebet der Messe am Fest Christi Himmelfahrt werden wir beten: „Lenke unser Sinnen und Verlangen zum Himmel, wo Christus als Erster der Menschen bei dir ist.“

Wir sind die Glieder, er das Haupt,
erlöst ist, wer an Christus glaubt.

In dieser Liedstrophe begegnet uns der hl. Paulus.
Er beschreibt das Mysterium Christi und der Kirche mit dem Bild des Leibes: Christus ist das Haupt des Leibes, und wir Getauften sind die Glieder dieses Leibes. Und Haupt und Glieder zusammen und gemeinsam bilden den Leib Christi, und das ist die Kirche.

Und das ist die Heiligkeit der Kirche. Und alle Sünden der Glieder der Kirche, der Laien und der Priester, die Sünden, die global offensichtlich geworden sind, können niemals diese Heiligkeit der Kirche mindern. Wohl aber verdunkeln sie das Erscheinungsbild der Kirche in der Welt und ihre Glaubwürdigkeit und ihre Wirksamkeit. Das sind die hausgemachten Probleme der Kirche. Und die haben wir gemacht. Das ist unsere Schuld, und das verlangt Erkenntnis und Reue und Umkehr.

Erlöst ist, wer an Christus glaubt.
Heute haben wir im Tagesgebet gebetet: Sieh voll Güte auf alle, die an Christus glauben, und schenke ihnen die wahre Freiheit und das ewige Erbe.

Christus sagt heute im Evangelium: Glaubt an Gott, d. h.: glaubt an mich.
Christus präsentiert sich heute als der Weg, die Wahrheit und das Leben.
Er ist der Weg zum Vater, weil er uns vereinigt mit seiner Hingabe an den Vater.
Er ist die Wahrheit, weil er sich uns zu erkennen gibt und weil er immer tiefer unsere Herzen durchdringt durch das verkündete und gehörte Wort Gottes.
Er ist das Leben: uns gegeben am Tisch der Eucharistie.
Christus ist der Weg zum Vater, weil er die Wahrheit ist. Er ist das Bild des Vaters in der Welt. Und er ist das Leben für den, der an ihn glaubt.

An Christus glauben: eine tiefe Beziehung zu ihm haben.
Ihm das ganze Leben anvertrauen und übergeben.
Eine andere Hoffnung gibt es nicht.

5. Nun singt dem Herrn das neue Lied,
in aller Welt ist Freud und Fried.

Das neue Lied, seit 2000 Jahren in den Charts: das ist das Halleluja. Eine Zusammensetzung aus Hallelu – Lobt!
Und der Kurzform von Jah-we.
Also: Lobt Gott! Durch diese 50 Tage erklingt es immer wieder. Hallelu-Jahwe.

In aller Welt ist Freud und Fried. – Stimmt das? Wenn man der Tagesschau und den Tagesthemen glaubt, dann stimmt das so nicht. Wie aber dann?
In aller Welt ist Freud und Fried insofern als die Welt mit dem erfüllt ist, was Gott getan hat: nämlich das Wunder der Auferweckung Jesu.
Dieses Geschehen ist nun einmal in die Weltgeschichte hineingeschrieben. Und keine Macht der Welt und der Unterwelt kann das auslöschen oder ungeschehen machen. Die Welt ist verändert. Aber sie erkennt das noch nicht und lebt das noch nicht. Nicht die Welt, besser gesagt: die einzelnen Menschen, und auch wir.

Es freu sich, was sich freuen kann,
denn Wunder hat der Herr getan.

Wenn es Freude und Friede ist der Welt gibt, dann nicht deswegen, weil wir das auf die Reihe kriegen. Das ist ja alles so schrecklich brüchig.
Sondern weil der Herr-Gott DAS Wunder getan hat. Deinen Tod, o Jesus, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir. Jetzt. Bis du kommst in Herrlichkeit.

Donnerstag, 4. März 2010

Missbrauch: Skandal und Erneuerung

Predigt
von Pater Willibrord Driever OSB,
Missionsbenediktiner in St. Ottilien,
in den Eucharistiefeiern am Zweiten Fastensonntag
(Pfarrkirche St. Michael in Abtsgmünd, 27./28. Februar 2010)


Liebe Brüder und Schwestern!

1. Wenn Sie in diesen Tagen aufmerksam die Tagesschau gesehen haben, dann haben Sie eine Vorstellung von dem Kloster, zu dem ich gehöre und aus dem ich komme: St. Ottilien ist in die Schlagzeilen geraten.
Nicht nur Amerika, nicht nur Irland, nicht nur die Jesuiten in Berlin…, jetzt auch die Benediktiner in Bayern.
Und ich glaube: das ist noch lange nicht das Ende, wir haben noch lange nicht den Abgrund erreicht, es kommt noch schlimmer.

2. Wir können uns dem Phänomen des Missbrauchs unter verschiedenen Aspekten nähern: moraltheologisch, juristisch, aber auch statistisch. Ich möchte Ihnen einige objektive Daten nennen.
Jährlich ca. 19.000 polizeilich gemeldete Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern. 2/3 im sog. sozialen Nah-Raum (Verwandte, Bekannte, Familie, oft durch Vater oder älteren Bruder). SPIEGEL: Knapp 100 Verdachtsfälle von Kindesmißbrauch in katholischen Einrichtungen Deutschlands seit 1995 hat der SPIEGEL zusammengezählt. Der Anteil katholischer Priester und Mitarbeiter (60.000) an der männlichen deutschen Bevölkerung über 21 Jahre (33 Millionen) beträgt knapp zwei Prozent. Verrechnet man die ihnen angelasteten Fälle von Kindesmißbrauch (100) mit den 210.000 deutschlandweit polizeilich gemeldeten Übergriffen seit 1995, beträgt der Anteil der katholischen Täter ganze 0,05 Prozent. Der durchschnittliche deutsche Mann wird mit 36-mal-größerer Wahrscheinlichkeit übergriffig als der katholische Priester.
Allein in Berlin wohnen etwa 10.000 Personen, denen Sexualdelikte aller Art vorgeworfen wurden. Sie machen 0,3 Prozent der Berliner Bevölkerung aus; das bedeutet, dass statistisch ein Angezeigter Sexualstraftäter auf 340 Bürger kommt. Und bei den Angezeigten handelt es sich nicht um Priester.
Soweit die Fakten. Diese statistischen Bemerkungen sollen nicht das Phänomen des Missbrauchs in der Kirche bagatellisieren, sondern nur kontextualisieren.

3. Die Kirche wurde immer geprüft, von außen und von innen. Die härtesten und demütigendsten Prüfungen der Kirche sind immer die, welche aus ihrem Inneren hervorgehen, und das insbesondere dann, wenn einige Männer der Kirche, die durch die Weihe in einen besonderen Dienst hineingenommen sind, in verdammenswerte Handlungen verwickelt sind.
Durch die (global betrachtet) millionenfachen Übergriffe werden Kinderseelen gemordet, wird entsetzliches Leid angerichtet. Das ist besonders schlimm, wenn Priester daran beteiligt sind.
Die Stürme, die die Kirche wegen der Sünden ihrer Mitglieder heimsuchen, können Angst machen. Die schlimmsten Stürme sind die, die den Gläubigen ans Herz gehen, die den Gläubigen den Glauben rauben und die das Vertrauen in Gott untergraben, die die Gläubigen aus der Kirche hinaustreiben.

4. Schauen wir noch einmal in unsere säkulare Umwelt: Angeblich will der Gesetzgeber durch seine Gesetzgebung seit Jahren das Leben schützen; tatsächlich aber wird die Abtreibung immer mehr vereinfacht, und die Zahlen der Abtreibungen nehmen zu. Die Produktion und der Konsum von Pornographie ist legalisiert. Der schulische Aufklärungsunterricht ist mehr eine Verführung zur Unkeuschheit als eine Hilfe, mit der gottgeschenkten Gabe der menschlichen Geschlechtlichkeit in einer menschenwürdigen Weise umzugehen. Das, was Gott Sünde nennt, wird in der Gesellschaft als lebenswert propagiert. Und gleichzeitig entrüstet sich diese Gesellschaft über die Sünden der Priester, die in viel größerem Umfang von Nicht-Priestern begangen wird.

5. Ich bin überzeugt, dass in diesen Wochen viele Katholiken sagen: „Das soll die heilige Kirche sein?!“ – „Mit diesem verrotteten Haufen will ich nichts zu tun haben, ich nehme jetzt endgültig meinen Abschied.“ Das erinnert mich irgendwie an die Pharisäer.
Ich möchte dann fragen: Was suchst du denn? Suchst du eine Kirche der moralisch Perfekten, der Super-Christen? Wo sollte diese Kirche denn sein? Bist du denn moralisch so perfekt, bist du denn ein solcher Super-Christ, dass du in eine solche Kirche hineingehören würdest? Und wenn es eine solche Kirche gäbe: Glaubst du, du würdest da aufgenommen werden?

5. Und die Heiligkeit der Kirche besteht nicht in der moralischen Perfektion ihrer Mitglieder bzw. ihrer Amtsträger. Die Kirche ist nicht deswegen heilig, weil ihre Mitglieder so anständig wären. Heiligkeit der Kirche bedeutet: daß Gott den Menschen in der Taufe heiligt. In der Taufe schenkt Gott dem Menschen seine heiligmachende Gnade (Gnade der Rechtfertigung), indem Gott dem Täufling seine Heiligkeit eingießt, gratis, und ihn solchermaßen heiligt. Die Getauften sind also die durch die Heiligkeit Gottes Geheiligten und als solche bilden sie die Kirche, und das ist die Heiligkeit der Kirche. Das ist die Taufgnade. Und damit ist auch eine Aufgabe gegeben: die Berufung, das ganz normale christliche Leben zu gestalten nach den Weisungen des Evangeliums in den Bereichen, wo Gott sie hingestellt hat. Aber eben aus der Kraft der Taufgnade.

6. Ausgerechnet im Priester-Jahr brechen diese Skandale auf. Hier leuchten mehrere Geheimnisse auf: Das Geheimnis Gottes. Gott erwählt nach seinem Ratschluß, nicht nach äußerem Augenschein oder nach dem, was wir für würdig erachten.
Krasser kann uns das Mysterium des Priestertums nicht vor Augen geführt werden: Gott beruft nicht nach Würdigkeit, sondern gemäß seiner Erwählung. Und das ist Sein Geheimnis. JEDER von Gott zum Priestertum berufene Mann ist unwürdig, es ist Gottes Geheimnis, warum er gerade diese Männer beruft.
Und noch etwas wird deutlich: das Geheimnis Jesu Christi. Der historische Jesus von Nazareth hatte, rein äußerlich betrachtet, auch nichts besonderes an sich. Darum taten sich die Jünger auch so schwer, das gott-menschliche Persongeheimnis Jesu zu begreifen. Im heutigen Evangelium von der Verklärung Jesu wird deutlich, dass in diesem Jesus von Nazareth noch mehr und Anderes ist: nämlich seine Göttlichkeit. Diese hat Gott den Augen der Jünger für einen kurzen Moment aufleuchten lassen.
Und das ist auch das Geheimnis der Kirche: sie hat eine Außen-Ansicht: Ämter, Menschen, Verwaltung, Organisation…, und eine Innen-Sicht: das ist der in der Kraft des Heiligen Geistes in der Kirche fortlebende Christus; das ist die in ihr aufbewahrte Gnade, die Gott der ganzen Menschheit durch die Kirche und ihre Mission und Evangelisierung zudienen will: kurz, ihre Heiligkeit.
Und wir alle verdunkeln durch unsere Sünden die Heiligkeit der Kirche, wir alle verdunkeln durch unsere Sünden das Erscheinungsbild der Kirche in der Welt. Wir müssen alle und immer an unsere Brust schlagen und Gott um Vergebung bitten.
Im Credo bekennen wir: Ich glaube an die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Dann sollen wir daran denken, was Heiligkeit bedeutet, und wir sollen Gott danken für die Gnade, zu dieser Kirche gehören zu dürfen.

7. Wir sind in der Fastenzeit, in der österlichen Buß-Zeit, wir gehen auf Ostern zu. DIE Feier von Ostern: das ist die Osternacht, in der wir das Wasser weihen und unser Taufversprechen erneuern. Das soll nicht wieder ein Ritus werden, der an uns vorbeirauscht und der vorüber ist, bevor wir recht begriffen haben, was wir da getan haben.
Bei unserer Taufe waren wir unmündig, damals haben unsere Eltern und Paten für uns den Glauben bekannt und das Taufversprechen abgelegt. In der Osternacht hast du die Gelegenheit, ganz persönlich dein Taufversprechen zu erneuern, zu ratifizieren, deine Unterschrift zu geben. Nur du, ohne Stellvertretung.
Das ist Übergabe deines Lebens an deinen Herrn. Das ist deine Erlaubnis an den Heiligen Geist, in die wirken zu dürfen. Dann kann Christus bzw. der Heilige Geist alle deine natürlichen Fähigkeiten von Selbstbezogenheit reinigen und läutern und in Dienst nehmen, dann brechen deine Charismen auf. Dann wird Kirche lebendig.
Dann begreifen auch die Eheleute, was Ehesakrament bedeutet: dann fangen sie an, gemeinsam zu beten, auch mit den Kindern. Dann werden die Familien zu dem, was das Konzil von den Familien gesagt hat: sie sind „Kirche im kleinen“. Dann werden auch die Familien zu den ersten Priesterseminaren.
Die Christen wünschen sich gute Priester. Wo sollen die denn her kommen? Die fallen doch nicht vom Himmel! Wo wird denn noch in den Gemeinden um Priesterberufe und um deren Heiligung gebetet? Die Berufungen müssen doch aus unseren Gemeinden hervorgehen, die können doch nicht immer von Indien oder aus Polen kommen!
Wir brauchen heilige Ehen, heilige Familien, in denen geistliche Berufungen von den Kindern erkannt werden können, wo die Jugendlichen auf ihrem Berufungsweg bestätigt, ermutigt werden.

8. Ich bin überzeugt: was wir in diesen Wochen erleben ist providentiell. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Gott am Werk ist. Gott ist dabei, seine Kirche zu erneuern. Und das geschieht durch Aufdeckung und Buße. Wie würde es in der Kirche weitergehen, wenn diese Fälle weder in Amerika noch in Irland noch in Deutschland aufgedeckt worden wären! Die Sünde würde weiter schwären am Leib der Kirche. Nun ist Gott dabei, die Decke der Verschwiegenheit von den Sünden runterzureißen; damit die Kirche sich bekehrt und erneuert. Gott erneuert seine Kirche. In diesem Sinne dürfen wir froh darum sein, was jetzt geschieht.

Sonntag, 6. Dezember 2009

Advent ohne Weihnacht

Charismatischer Gottesdienst
Predigt

Wallfahrtskirche Vilgertshofen
Freitag der 1. Adventswoche (4.12.2009)

Pater Willibrord Driever OSB
Missionsbenediktiner von St. Ottilien



Wozu dient der Advent?

Vermutete Antwort: Vorbereitung auf Weihnachten. Falsch! Das gilt nämlich nur für die letzten 7 Tage des Advent: 17.-24. Dezember.

Die längste Zeit des Advent hat eine andere Bedeutung.
Hat zu tun mit einem Geheimnis des Glaubens, welches im Bewusstsein der Christen wenig präsent ist, aber in der Liturgie vorkommt.

Darum erinnert uns die Kirche in ihrer Liturgie mindestens viermal an das Mysterium der Wiederkunft des Herrn.
1. Credo: Aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten,
2. Nach der Wandlung: Deinen Tod, o Herr, verkünden wir, und deine Auferstehung preisen wir, bis du kommst in Herrlichkeit.
3. Drittes Hochgebet: Darum, gütiger Vater, feiern wir das Gedächtnis deines Sohnes. Wir verkünden sein heilbringendes Leiden, seine glorreiche Auferstehung und Himmelfahrt und erwarten seine Wiederkunft.
4. Vater unser: Komm uns zu Hilfe mit deinem Erbarmen und bewahre uns vor Verwirrung und Sünde, damit wir voll Zuversicht das Kommen unseres Erlösers Jesus Christus erwarten.

Das ist das Letzte: Das Ziel: Wenn Christus kommt. Das ist eine großartige Vision.
Christus kommt. - Wann kommt er denn?
Immer. In jedem Augenblick unseres Lebens. Und auf vielfältige Weise. Im Mitmenschen, in den Umständen des Lebens, in den Zeichen der Zeit, im Freund und sogar im Feind, in seinem Wort, in Gottesdienst, in den Sakramenten.

Und am Ende der Zeiten und bei der Vollendung der Zeiten: Parusie.
Darum erinnert uns die Kirche an das Mysterium der Wiederkunft des Herrn in der Feier des Advent vom 1. Advent bis zum 16. Dezember.

In diesem Zusammenhang feiern wir jetzt diese heilige Messe und hören das Wort Gottes.

Lesung Jes 29,1-24

Das Volk Israel hat ja eine lange und wechselvolle Geschichte.
Es stand mehrmals am Rand des Untergangs.

Das Reich lag in der Zukunft.
Vorausgegangen war eine Katastrophe, ungefähr 500 Jahre vor Christus: Eroberung des Landes und die Zerstörung des Tempels. Deportation.

Und da hatten die Propheten immer eine besondere Aufgabe:
Die Propheten mussten im Volk etwas wach-halten:
nämlich das Vertrauen auf Gott
die Hoffnung (auf das Kommen seines Reiches).
Welches Reich?
Ein Reich ohne Krankheit, ohne Leid, ohne Ungerechtigkeit.

Die völlige Umwandlung der Menschen, die nach der Katastrophe übrigbleiben werden.
Und das sind nicht die Großen und nicht die Mächtigen aus der Politik, aus der Wirtschaft und aus der Gesellschaft. Die sind es nicht.
Sondern Umwandlung geschieht für die Blinden und für die Tauben, für die Armen, für die Demütigen – für diese Menschen gibt es Heilung und Heil. (Evangelium).

Es sind die Armen, die Schwachen und die Benachteiligten, denen Gott seine Liebe zuwendet.
(Das ist die Botschaft des AT und des NT).

Für die Reichen, die Satten und die Selbstzufriedenen und für die Selbsterechten und harten Menschen – war das immer ärgerlich.

Und genau das wird das größte Wunder der Weltgeschichte sein!
Dass die Irrenden zur Einsicht kommen und die Harten weich werden und sich bekehren lassen.

Wodurch?
Durch die Ereignisse selbst – und durch das Wort Gottes.

Dieses Wunder erhofft der Prophet für „jenen Tag“.
Das ist der Tag, an dem Gott sich sein neues Volk schaffen wird.

Was hier beschrieben wird, das hat schon begonnen.
Wieso? Der Messias, der heilige Geist ist schon gekommen.
Jesus hat uns erlöst. Er hat uns die Augen geöffnet für Gottes Herrlichkeit.

Zum Evangelium Mt 9,27-31

Wir haben einen Abschnitt aus dem Evangelium nach Matthäus gehört.
Es ist die Erzählung von der Heilung der zwei Blinden.

Matthäus legt alle Aufmerksamkeit auf das Gespräch zwischen Jesus und den beiden.
Alle Einzelheiten der Heilung läßt er weg.

Warum läßt Matthäus alle Einzelheiten der Heilung?
Was will er denn betonen?

So wird ganz deutlich, welchen Anteil an der Heilung der Glaube hat.

Der Glaube wird schon deutlich, wie die beiden Jesus anreden: Sohn Davids!
(Anfang des Mt-Evgl. „Stammbaum Jesu Christi, des Sohnes David, des Sohnes Abrahams“.)
Und in der Bitte: Hab Erbarmen mit uns!

Und was tut Jesus?
Jesus antwortet einem solchen Glauben. Er geht darauf ein.
Ähnlich wie bei einer Heilungsgeschichte, ebenfalls im Mt-Evgl.
Der heidnische Hauptmann von Kafarnaum bittet um Heilung für seinen gelähmten Diener, der zu Hause lag und große Schmerzen hatte.
Jesus sagte: Ich will kommen und ihn gesund machen.
Da antwortete der Hauptmann: Herr, ich bin nicht wert, dass du mein Haus betrittst; sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund…. Jesus war erstaunt, als er das hörte, und sagte zu denen, die ihm nachfolgten: Amen, das sage ich euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemand gefunden.“ (Mt 8,10)

Die Heilung geschieht durch den Willen Jesu und durch das Wort Jesu.
Aber der Glaube ist dafür die notwendige Voraussetzung.
Warum? Damit Jesus überhaupt das Wunder tun kann.

Er ist ja nicht als Wunderdoktor oder als Zauberer oder als ein okkulter Heiler gekommen.

Sondern er ist gekommen, um den Menschen etwas zu sagen. Was?
Dass die Herrschaft Gottes nahe ist.

Gott will sich offenbaren.
Ob er es kann, das hängt von den Menschen ab.

Frage:
Gibt es eine Verbindung zwischen Lesung und Evangelium?
Und warum hören wir diese nun im Advent?

„Die Blinden, die in Dunkel und Finsternis waren, werden sehen“, das ist die Verheißung der Propheten für die Endzeit.
Die Endzeit sollte anbrechen mit dem Kommen des Messias aus dem Haus David.
Was hier beschrieben wird, das hat schon begonnen.
Wieso?

Die Blinden riefen: Jesus, Sohn Davids.

Der Messias ist also gekommen.
Der Heilige Geist ist schon gekommen.

Jesus zeigt durch seine Werke, dass er es ist, den Israel erwartet.
Jesus hat uns erlöst. Er hat uns die Augen geöffnet für Gottes Herrlichkeit.

Die Endzeit hat begonnen. Wir leben in der Endzeit.

Wohlgemerkt: die Endzeit. Nicht die Voll-Endung. Die ist noch nicht da. Die steht noch aus.
Das merken wir ja in der ganzen Welt und in unserem persönlichen Leben: wie viel Unvollendetes es da noch gibt.

So leben wir in einer Spannung:
Einerseits: wir sehen und glauben, daß der Messias Jesus gekommen ist, die Situation grundsätzlich verändert hat. Von unserer erbsündlichen Todverfallenheit und Gottlosigkeit dazu hin, dass er für uns das Tor des Himmels geöffnet hat.

Andererseits: dass die Vollendung eben noch nicht da ist. Diese erwarten wird, aber eben nicht als eine Erfüllung von paradiesischen Zuständen hier auf der Erde, sondern als eine unvorstellbare Fülle, von der uns das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes eine Bild zeichnet.

Und diese Zukunft können wir nicht machen, sondern nur von Gott her entgegennehmen. Und er wird es tun. Das ist sein Werk.
Und dieses Werk fällt zusammen mit der Wiederkunft Jesu Christi bei der Vollendung der Zeiten.

Und der Advent macht uns genau dieses Geheimnis bewusst.
Dass es da einen gibt, der auf uns zukommt und der unsere Zukunft ist.
Wir Christen haben Zukunft.
Weil Christus auf uns zukommt.